Wenn man in Ki Nagare wie ein Wirbelwind zwischen den Angreifern umherfährt, passiert es leicht, dass Umsicht und Fürsorge auf der Strecke bleiben. Die Angreifer werden weit umher und gegeneinander geworfen, Blessuren und Bitterkeit sind die Folge. Das ist nicht gut. Der wohlmeinende Aikidoka will seine Angreifer vor unnötigem Schaden schützen, er gibt sich damit zufrieden, ihnen einen besseren Weg zu zeigen als den Angriff, den sie sich selbst gedacht haben. Keiner soll zu Schaden kommen, alle sollen statt dessen eine Lehre ziehen und den Kampf als weisere, friedvollere Menschen verlassen. Deshalb hört die Aikidotechnik nicht im und mit dem Wurf selber auf, sondern wird durch die ganze Bahn des Fallenden verlängert und dauert bei ihm an, bis er sich entscheidet, seine unfreundliche Gesinnung aufzugeben und wegzugehen. Die Aufmerksamkeit und der Kifluss des Aikidokas umgeben und führen den Angreifer unaufhörlich während des ganzen Wurfs, so dass er fühlt, welche Bahn für seinen Fall die schonendste ist, und erkennt, welche Gesetze in der Sphäre des Aikidokas, in dessen Universum, gelten.
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Der Wurf im Judo geschieht im selben freundlichen Geist: der Werfende hält den einen Arm des Fallenden so, dass dieser sicher auf der Seite landen kann und sein Kopf nicht auf dem Boden aufschlägt. Im Aikido hält man den Fallenden selten fest, aber will mit der Richtung seiner Bewegung und seinem Ki den besten Weg für den Fall weisen. Man will sozusagen nicht nur die Beine unter dem Angreifer wegziehen, sondern auch ein Kissen dahinlegen, wo er mit seinem Hinterteil aufkommt. Wenn sie richtig ausgeführt werden, ist es deshalb nicht so besonders unbehaglich, von den Würfen des Aikido erwischt zu werden, man fällt weich, und in den Festhaltetechniken wird man sanft umfangen.
Das kommt durch Zanshin zustande, den ausgestreckten Geist, ein Begriff, der vor allem in Karatedo betont wird, der aber auch im Aikidotraining Bedeutung hat. Das Wort besteht aus zwei Kanji, teils bewahren und teils Herz oder Sinn, also, ein bewahrter Sinn, eine Konzentration, die nicht nachlässt. Das Herz / der Sinn ist auf japanisch Shin oder Kokoro und wird in ungeheuer vielen Zusammenhängen gebraucht – immer in einer Bedeutung, die sich von der westlichen darin unterscheidet, dass sie nichts mit dem Gefühlsleben zu tun hat, sondern mit Willenskraft, Sinnesstimmung, Geist. Mit Zanshin meint man, dass man den Kontakt mit dem Partner nicht verliert, wenn man den Wurf ausführt. Man verbleibt mit seiner Aufmerksamkeit beim Partner, selbst wenn kein Körperkontakt mehr besteht – ungefähr so, wie der Speerwerfer mit dem Blick den Flug des Speers verfolgt, bis dieser auf dem Boden auftrifft. Darin liegt natürlich ein kriegerischer Aspekt. Der Verteidiger bewacht und kontrolliert den Angreifer bis zu dem Augenblick, da von diesem definitiv keine Bedrohung mehr ausgeht. Mit krafvollem Zanshin kann man den Angreifer sogar davon abschrecken, seinen Angriff zu erneuern.
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Ebenfalls mit Zanshin kontrolliert man den Partner in einem Festhaltegriff. Zanshin ist die Kraft der Aufmerksamkeit und die Entschlossenheit, sein Zentrum zu zeigen und daran festzuhalten. Man fährt fort, den Partner mit seinem Ki zu umschwärmen und zu durchdringen, so dass es keine gangbaren Wege gibt als die, die man selbst abgesteckt hat. Bei einem Festhaltegriff wird der Partner also unbeweglich, nach einem Wurf ist er wie betäubt und hat es äußerst schwer, sich zu erheben – so als würde man über ihm stehen und ihn zu Boden drücken.
Die freundlichere Seite von Zanshin ist also auch praktisch. Dadurch dass man seine Aufmerksamkeit über den Moment der Aikidotechniken hinaus verlängert, ist es schwerer, ihnen Widerstand zu leisten, und sie zeigen keine Blöße. Dadurch dass man den Fall und die Landung des Partners mit dem Geist steuert, kann dieser seine Bahn nicht ändern, und dadurch dass man Zanshins verlängerten Geist in Festhaltegriffen anwendet, werden diese solide, ohne dem Partner Schmerzen zufügen zu müssen.
Kazuo Igarashi. Foto: Magnus Hartman.
Man kann sagen, dass Zanshin der klare entschlossene Geist ist, der den Partner erreichen und durchdringen soll – sowohl vor dem Angriff, so dass dieser kommt, wann und wie der Aikidoka wünscht, als auch während der Technik und danach. Zanshin ist das Verhältnis des Aikidoka zum Partner, und das soll sein wie das des Herrschers zum Untergebenen – aber eines milden Herrschers mit Fürsorglichkeit für seinen Untergebenen. Ein hochstehendes zanshin ist keinesfalls bloß zum Schutz des Verteidigers da, auch der Angreifer wird davon in Obhut genommen und geschützt. Wenn das Zanshin eines Aikidoka zu reinem Wohlwollen geworden ist, glaube ich nicht, dass es länger möglich ist, ihn anzugreifen.
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